Aliianz Arena München, Architekten Herzog & de Meuron

Statik Arup Berlin/London / J.Parrish - Arup Sport London

Alle Photos  © Ulrich Rossmann

Bauphase Juli 2003

Bauphase

Bauphase Juli 2004

Mai 2005

Mai 2005

Eröffnungsspiel Bayern München - Deutschland, 4:2, 31.Mai 2005, 66.000 Zuschauer

Mai 2005

 

Wunder der Statik (Spiegel Spezial 4/2008 - Autor Marco Evers)

Die unbekannten Helden des Bauwesens sind die Ingenieure - wie die der britischen Firma Arup: Ohne sie fielen die kühnsten Architektenentwürfe einfach in sich zusammen.

Renzo Piano und Richard Rogers bauten das Centre Pompidou. Frank Gehry schuf das Guggenheim Museum von Bilbao, Norman Foster setzte die Kuppel auf den Reichstag - und wie immer diese Reihung weitergeht, Tristram Carfrae ist schon jetzt mehr als unzufrieden.

"Als ich 1981 anfing", sagt der Australier, "hielt sich der Architekt noch für den einzigen Urheber eines Gebäudes. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei."

Carfrae, 49, ist Bauingenieur, vielleicht einer der besten der Welt, und doch hat sein Name in der Öffentlichkeit so gut wie keinen Klang. Das wurmt ihn ein kleines bisschen, denn was wären schon große Architekten ohne große Bauingenieure?

Sein Werk verrichtet Carfrae auf fast allen Erdteilen; wenn gefordert, konstruiert er das bis dato Unbaubare. Immer wieder reizt er die Grenzen der Physik so weit aus, bis sie selbst bodenlos unphysikalischen Architektenträumen Halt geben - doch alles, wofür sich Öffentlichkeit und Medien interessieren, ist der Architekt. Wer hat das gebaut?

Zu den Olympischen Spielen in Peking hat Carfrae einen Teil des "Wasserwürfels" beigesteuert. So heißt die atemraubende olympische Schwimmhalle - ein gewaltiger aquablauer Quader, transparent, ein Wunderwerk wie aus Seifenschaum: Wie dieser Luftblasen bildet, so entspinnt sich die tragende Stahlstruktur des Riesengebäudes geometrisch korrekt in dreidimensionalen Waben. Die Außenhaut besteht aus ETFE, einem hochtechnischen Kunststoff mit besten Isolationseigenschaften. Schon jetzt gilt das "(H2O)3" mit seinen 22 000 Stahlträgern als Triumph der Ingenieurskunst. Aber wer ist sein Urheber?

"Kein einzelner Mensch nimmt für sich in Anspruch, den Wasserwürfel konstruiert zu haben", sagt Carfrae. Zwei chinesische und ein australisches Architekturbüro waren beteiligt, dazu Carfraes Arbeitgeber, das internationale Bauingenieursbüro Arup aus London. Der Wasserwürfel ist aus ihrer Kooperation hervorgegangen, und wenn nur einer der Beteiligten ausgefallen wäre, dann wäre es ein anderes Gebäude geworden. "Wenn Leute zusammenarbeiten", das ist Carfraes Credo, "dann erreichen sie mehr."

Bei den ersten Überlegungen waren die Architekten noch nicht einmal dabei - "was ungewöhnlich war", wie Carfrae einräumt. Die Arup-Ingenieure verständigten sich ganz allein auf ein paar technische Prinzipien, nach denen sich das Design zu richten hatte: Die Schwimmhalle sollte energieeffizient sein, möglichst viel natürliches Licht bekommen und wie ein Treibhaus von der Sonne beheizt werden. Glas als Baustoff schied wegen der akustischen Nachteile aus. Die tragenden Teile sollten nicht innerhalb des Gebäudes liegen, wo sie der Feuchtigkeit ausgesetzt wären, überdies sollten sie mittleren Erdbeben locker standhalten. Der realisierte Bau trägt alledem Rechnung.

Mehr als 9000 Menschen arbeiten für Arup in über 80 Büros weltweit. Sie vertreiben die Unsicherheit aus den Architektenzeichnungen und ersetzen sie durch exakte Spezifikationen, ob für Tragwerke, Sanitäranlagen oder Feuerschutz. Sie machen das für Routinebauten, bei Bahntunnels oder Einkaufszentren, aber auch für einige der charismatischsten Megaprojekte der jüngeren Baugeschichte. Arup-Ingenieure waren beteiligt an der "Gherkin" in London, dem Wolkenkratzer der Hongkong and Shanghai Bank in Hongkong oder der Allianz-Arena in München. Nur weiß das kaum einer außerhalb der Bauwelt.

Keine Stadt verlässt sich im Augenblick so sehr auf Arup wie Peking. Viele weltberühmte Architekten toben sich dort in wahren Design-Orgien aus - etwa beim weltgrößten Flughafen-Terminal (Norman Foster), der neuen Sendezentrale des Staatsfernsehens (Rem Koolhaas), beim neuen China World Trade Center oder beim "Vogelnest", wie das grandiose Nationalstadion genannt wird, in dem die Olympischen Spiele eröffnet und beendet werden (Architekten: Herzog & de Meuron). Arups Ingenieure sind bei jedem dieser Projekte dabei - wohl auch deshalb, weil sie sich eines in diesem Gewerbe ungemein schmückenden Rufes erfreuen: Was sie bauen, das steht und hält (auch wenn ihre Londoner Millennium-Bridge gleich nach der Eröffnung grässlich ins Schwingen geriet. Da mussten die Ingenieure nachsitzen. Mit 95 Dämpfern lösten sie das Problem).

Ove Arup, der 1988 verstorbene Firmengründer, hatte selbst einige Erfahrung gesammelt im kreativen Nachbessern. Vielen gilt er als Retter der Oper von Sydney, denn der geniale Architekt Joern Utzon aus Dänemark hatte in seinen Plänen für die Oper die entscheidenden technischen Details einfach offengelassen. Utzon hatte schlicht keine Ahnung, ob seine verschachtelten Muschel-Dächer unter den irdischen Bedingungen der Schwerkraft überhaupt realisierbar waren. Über 15 Jahre arbeitete Arup an dem Projekt, zeitweise mit Hunderten von Ingenieuren. Ihre Aufgabe war so schwierig, dass sie sich für ihre Kalkulationen nicht mehr nur auf ihre Rechenschieber verließen, sondern erstmals einen Keller voller schrankgroßer Computer einsetzten. Sie entwickelten viele neue Bautechniken, etwa für den Umgang mit vorgefertigten Betonteilen, und beseitigten ein Strukturproblem nach dem anderen. Utzon und Arup zerstritten sich dabei, aber die Oper wurde zu der Architektur-Ikone der Nachkriegszeit schlechthin und ist noch immer nicht eingestürzt.

Der Wasserwürfel-Konstrukteur Carfrae gehört bei Arup zum innersten Zirkel. Er ist ein "Fellow", einer von nur neun, die diesen Ehrentitel auf Lebenszeit tragen. Die Fellows sind allesamt Experten, die für die Firma und die Branche insgesamt Wegweisendes geleistet haben und in ihrem Fach eine globale Spitzenreputation erlangt haben. Ihr Wort hat Gewicht.

Die Rolle der Architekten, erzählt Carfrae, wandelt sich - und nicht unbedingt zu deren Vorteil. Ehrgeizige Bauwerke würden wie die Welt insgesamt zunehmend komplexer. Kein Architekt könne mehr alles beherrschen, geschweige denn alles gestalten; vielmehr sei er immer mehr derjenige, der zum richtigen Moment die richtigen Experten zusammenfügt im Dienste einer Gesamtidee, "fast wie ein Dirigent", sagt er.

Ansonsten aber komme den Bauingenieuren in diesem Konzert immer mehr Bedeutung zu. Die fortschreitende Digitalisierung und das 3-D-Konstruieren mit Hilfe von Computerprogrammen - das liege den Ingenieuren im Blut, während die Architekten am liebsten noch in gezeichneten Welten verharrten. Darum haben Ingenieure, so findet Carfrae, in der Welt von morgen einen immensen kulturellen und technischen Vorteil. In einem Umfeld, das bestimmt wird von Computern und Materialwissenschaften, könnten sie ihre Kreativität auf eine Weise entfalten, die ihnen bisher versagt war.

Einer von Carfraes Arup-Kollegen wirkt wie die Personifikation dieses Wandels. Sein Megaprojekt liegt in Peking gleich neben Carfraes Wasserwürfel. Es ist das neue Nationalstadion, der ganze Stolz Chinas und der architektonische Höhepunkt der Olympischen Spiele. Der Entwurf stammt vom Schweizer Architektenbüro Herzog & de Meuron. Doch einen entscheidenden Anteil daran hat J. Parrish, Direktor bei "Arup Sport".

Parrish, 57, baut Stadien seit über 30 Jahren. Er kann von sich behaupten, dass kaum ein sportliches Großereignis, ob Olympia, EM oder WM, ohne ihn auskommt. Er ist einer der Väter der Allianz-Arena, seine Stadien gaben Olympia 2000 in Sydney Glanz. Der AC Valencia bezieht nächstes Jahr eine Spielstätte, an der Parrish beteiligt war, und auch bei Olympia 2012 in London wird er Hand anlegen (wie genau, das ist noch geheim).

Parrish ist zwar Architekt in zweiter Generation, aber er denkt wie ein Bauingenieur, denn Stadien, sagt er, seien immer schon eine Mischung aus Architekten- und Ingenieurskunst. Vom ersten Tage an, kaum dass sie verfügbar waren, benutzt er CAD-Programme ("computer-aided design"). Er selbst hat das erste Programm geschrieben, mit dem sich der gesamte Innenraum eines Stadions schnell, einfach und billig berechnen und gestalten lässt.

Wie stehen die Bänke? Welchen Neigungswinkel hat die Tribüne? Was bedeutet das für die Fassade? "Früher haben wir einen Monat mit solchen Aufgaben zugebracht", sagt Parrish. "Jetzt erledigt das ein Computer innerhalb weniger Stunden."

Und darum hat ein Baumeister wie Parrish viel mehr Zeit, auf der Suche nach dem Optimum an den Entwürfen für den Innenraum eines Stadions zu feilen. 33 Vorschläge unterbreitete er allein für die Allianz-Arena. Nr. 31 wurde gebaut.

"Mein Ziel", sagt Parrish, "ist das an nur einem Arbeitstag komplett entworfene Stadion mitsamt allen bautechnischen Angaben. Noch sind wir nicht so weit - aber sehr bald." Eine neue Entwurfstechnik macht das möglich. Sie heißt "Parametrisches Design", und Parrish ist darin einer der führenden Pioniere. Parametrisches Design macht aus einer Bauaufgabe ein komplexes Gleichungssystem. Die Ingenieure müssen nur noch einige wenige entscheidende Parameter vorgeben, die ganzen Details berechnet der Computer automatisch. Mit einem solchen System hätte Arup die Oper von Sydney in wenigen Tagen statt Jahren konstruiert.

Dieses Computerdesign, glaubt Parrish, wird die Architektur des 21. Jahrhunderts bestimmen. Es eröffnet den Gestaltern Möglichkeiten wie nie zuvor in der Baugeschichte. Pekings "Vogelnest" zum Beispiel sei mit Hilfe traditioneller Gestaltungsmittel wahrscheinlich gar nicht konstruierbar. Es wäre "ein kompletter Alptraum", die Statik der miteinander verflochtenen und in sich verdrehten Stahl-Äste des Exoskeletts auf klassische Weise auszurechnen. "Wer das versucht hätte, wäre heute noch beschäftigt", sagt Parrish.

So aber wird eine ganz neue Geometrie baubar. In Kürze prägt sie das Bild der Städte dieser Welt. Tristram Carfrae freut sich darauf. "In Geometrie", sagt der Arup-Fellow, "sind wir Bauingenieure so viel besser als Architekten."

Von Marco Evers

Video - Ove Arup - The Philosopher Engineer